Freitag, 20. Februar 2015

Aktuelle Situation in Deutschland & Medienberichte

Aktuell ist das Thema Homeschooling/Unschooling gerade sehr stark in den Medien in Deutschland. Mit dem Kinofilm "Being and Becoming" von Clara Bellar wird zum ersten Mal auch in Deutschland eine breitere Öffentlichkeit angesprochen.

Daneben gibt es immer mehr Radiobeiträge über tapfere Vorreiter, die es wagen, sich der Schulpflicht in Deutschland offen entgegen zu stellen, z.B. Familie Brunner:



Aber auch sonst gibt es immer mehr Medienberichte über eine Bildung außerhalb der Schule:

Interessant ist das Thema auch für Juristen, denn die gängige Praxis zum Schulzwang ist anscheinend nicht einmal vereinbar mit dem deutschen Grundgesetz:



Zusätzlich befassen sich unzählige deutsche Facebook-Gruppen mit diesem Thema. Es gibt Gruppen in denen Familien diskutieren, die nach einem geeigneten anderen Land suchen, in das sie auswandern mögen, Gruppen, in denen Alleinerziehende diskutieren, wie Unschooling finanziell für sie möglich ist, Gruppen in denen politisch diskutiert wird.
Und natürlich auch das Unschooling selbst ist ein Themenbereich mit viel Diskussionsbedarf: wie mache ich das denn?

Nach wie vor steht in Deutschland leider die organisatorische Frage oftmals weit im Vordergrund. Die Entscheidung, sich um die Bildung seiner Kinder außerhalb des Schulsystems kümmern zu wollen, trägt sich nicht auf leichten Schultern. Die Verantwortung selbst zu übernehmen ist zwar ein natürlicher, jedoch auch sehr mutiger Schritt. Da braucht man eigentlich seine ganze Kraft und Kreativität für die Bildung selbst. Um zu überlegen, wie man vorgehen möchte, den eigenen Weg zu finden, sich auszutauschen, den Kindern eine reichhaltige Umgebung anzubieten, so dass sie möglichst viel von der Welt begreifen können.

Stattdessen drehen sich die ersten Fragen von interessierten Eltern um organisatorische Dinge. Die Hauptfrage bei denen, die es ernst meinen, ist dabei oft:
Auswandern in ein anderes Land? Auswandern ohne Wohnsitz? Bleiben und kämpfen? Bleiben und verstecken? Freie Schulen als Kompromiß?

Und nachgelagert dann viele organisatorische Einzelfragen. Auf die Bildung selbst kann entsprechend viel weniger Energie verwendet werden.

Durch die vielen Berichte in den Medien habe ich persönlich die Hoffnung, dass sich die Situation in Deutschland zunehmend verbessert. Von verstecken zu dulden zu ertragen zu erlauben. Jedoch braucht es hier vielleicht noch mehr Leute, die so mutig sind wie Frau Brunner vom oben verlinkten Artikel. Ich muss leider gestehen, dass ich selbst nicht so mutig bin.



Dienstag, 29. Juli 2014

Klare Worte

Bislang liefen viele Gespräche mit der freien Schule, an der Naturkind noch immer angemeldet ist, obwohl sie nicht hingeht. Beim letzten Gespräch hat mir die Schule signalisiert, dass eine Zusammenarbeit möglich sein könnte. Eine Zusammenarbeit, bei der Naturkind kommen kann wenn sie will und es lassen kann wenn sie will. Ein Unschooling Konzept, bei dem die Schule das Risiko tragen würde.

Das wäre natürlich eine tolle Sache gewesen, hat sich jetzt jedoch leider vollkommen zerschlagen. Nicht von den für die Leitung verantwortlichen Personen kommt diese überraschende Wendung sondern vom Lehrpersonal. Eine Störung der Gruppendynamik sowie eventuelle Nachahmer werden hier befürchtet.

Es ist schon bemerkenswert, wenn selbst die für die Gestaltung des Miteinanders verantwortlichen Lehrer einer freien Schule mit alternativem pädagogischen Konzept befürchten, alleine in der Schule stehen zu müssen, sobald den Kindern ihre Wahlmöglichkeit bewusst wird.

Ein bisschen schade finde ich es schon, denn es wäre natürlich eine ganz tolle Möglichkeit gewesen, Material, Raum und Kontakte zu nutzen, die im privaten Bereich oft schwer zugänglich sind.

Dennoch - Naturkind zur regelmäßigen Teilnahme zu zwingen kommt in keinem Fall in Frage. Für uns heißt es nun Fahrt aufnehmen und uns alleine dem Meer zu stellen. Die Herausforderungen des Unschooling lasten jetzt alleine auf meinen Schultern. Noch ist mein Rücken gerade, die ersten Klippen sind bereits in Sicht: ein Kindesvater für den Unschooling esoterischer Unsinn ist. Und den ich von der Abmeldung an der Schule nun informieren muß, die ich offiziell in den nächsten Tagen vornehmen werde.

Eines habe ich jedoch bereits gelernt: das Wort "Gruppendynamik" wird mich noch in meinen Träumen verfolgen und immer Sinnbild sein für den Versuch, Menschen durch enge Bindungen zusammen zu halten, die eigentlich keine Gemeinsamkeiten haben und in offenen Gruppen ganz verschiedene Wege gehen würden.


Samstag, 26. Juli 2014

De-Schooling

Zöpfchen wollte nun auch eine Woche lang nicht zur Schule gehen. Ich habe es ausprobiert, zwingen widerstrebt mir bei jedem meiner Kinder.

Jedoch war die Woche für mich sehr hart. Zöpfchen hat nichts anderes gemacht als sich mit ihrem Laptop zurückzuziehen. Den ganzen Tag. Die ganze Nacht. Ins Bett ist sie um 3 oder um 5 morgens. Manchmal schon um 1. Ich habe sie nicht aus dem Haus bekommen. Sie hat keine Freunde getroffen. Sie hat nur die ganze Zeit neue Serien die sie interessieren entdeckt, daraus dann Listen angefertigt. Teilweise japanische Worte gelernt, auch einiges an Englisch. Natürlich auch viel über Mangas, denn es waren Animes, mit denen sie sich beschäftigt hat. Auch wie das mit dem Download geht. Verschiedene Dateitypen etc.

Ich sehe also wohl dass sie viele Dinge gelernt hat. Aber unsere Beziehung innerhalb der Familie ist in dieser Woche fast komplett zerbrochen. Keine gemeinsame Aktivität. Schlechte Laune durch zuviel Konsum. Streit. Keine Mithilfe bei irgendwas. Kein Miteinander. Kein Kontakt mit anderen Menschen. Nicht einmal Kontakt mit dem Wetter draußen. Nur Konsum. Und essen.

Im Rückblick nach dieser Woche gehe ich davon aus, dass wir hier eine De-Schooling Situation wie aus dem Bilderbuch erlebt haben. Ich wäre bereit, dieses De-Schooling durchzustehen. Einmal zumindest, denn es ist sehr hart. Aber das hat doch nur Sinn, wenn Zöpfchen sich dazu entscheidet, auf die Schule zu verzichten. Und das ist nicht ihr Plan im Moment. Sicherlich werde ich nicht einen Wechsel von Schooling und De-Schooling über einen längeren Zeitraum mitmachen. De-Schooling ist aus meiner Sicht nur zu ertragen, wenn das Ziel ist, im Unschooling anzukommen.

Ich verstehe jetzt, warum viele Eltern mit Schulkindern dafür sorgen, dass sie auch in den Ferien "gut aufgehoben" sind. In der Ferienfreizeit sind sie nicht nur ganztags betreut, sie haben auch keine Chance, in das De-Schooling zu starten, für das sich die Sommerferien per se gut eignen. Geht auch nicht, wenn die Eltern selbst frei haben und eine enge Kontrolle ausüben. Ansonsten sähe man wohl allerorts nur verzweifelte Eltern. Andererseits - 6 Wochen unkontrolliert konsumieren als Ausgleich für ein Jahr in der Schule sitzen - das scheint in unserer Gesellschaft eine anerkannte Belohnung zu sein.

Für mich ist es so, dass ich erkannt habe, dass ich Naturkind und Zöpfchen komplett unterschiedlich behandeln muss. Naturkind hatte ihre De-Schooling Phase schon nach dem Ganztagskindergarten. Sie schaut auch gerne vormittags Filme auf Youtube, wenn ich noch in der Arbeit bin. Aber spätestens wenn ich komme hört sie auf und macht etwas mit mir oder beschäftigt sich mit etwas anderem. Sie ist offen für Dinge. Und sie verbringt mitnichten alle Zeit, die sie ohne mich hat, mit Konsum. Oft erarbeitet sie sich eine Fantasiewelt oder ähnliches. Sie entdeckt die Welt gerne. Virtuell und echt.

Zöpfchen werde ich dieses Vertrauen das ich Naturkind entgegenbringe, nicht auf einen Schlag schenken können. Solange sie in der Schule ist, auch wenn es eine freie ist, ist die Seite der Eigenverantwortung bei ihr einfach viel zu schwach ausgeprägt. Wo Naturkind ins Bett geht wenn sie müde ist, da zwingt sich Zöpfchen zum Wachbleiben, mißachtet die Signale ihres Körpers. Das wird natürlich mit dem morgendlichen Wecker schon gut trainiert. Eine vollkommen unterschiedliche Lebenssituation also, in der sich meine beiden Kinder befinden.

Sollte Zöpfchen irgendwann beschließen, dass sie nicht mehr zur Schule gehen will, dann werde ich vermutlich zunächst homeschoolen und dann nach und nach in dem Maße in dem ihre Kompetenzen wachsen zum Unschooling übergehen. Ich denke, dieser kalte Entzug des De-Schoolings ist mehr als unsere Familie verkraften kann. Lieber schleiche ich die Droge Schule langsam aus.

Für den Moment möchte ich eine Lösung mit Zöfpchen finden, mit der wir alle leben können. Ich kann nicht mehr zulassen, dass sie sich komplett aus der Familie zieht und ihre Gesundheit vernachlässigt. Um dann wieder in die Schule einzusteigen, wenn das Schlimmste voraussichtlich überstanden sein wird.
Ist nicht ganz einfach, denn ohne Bindung finden sich auch Lösungen viel schwerer.

Diese letzte Woche hat mich jedoch auch in meinem Beschluß bestärkt, Naturkind als Unschooler aufwachsen zu lassen. Einmal die Woche zur freien Schule zu gehen sehe ich als Maximum. Dies ist dann wie der wöchentliche Besuch eines Vereins, den man auch ausfallen lassen kann. Schule wird in Naturkinds Leben keine weitere Bedeutung erlangen. Dafür werde ich kämpfen.

Samstag, 12. Juli 2014

Aber wie ist das mit den Freunden?

Das ist wohl eine der ersten Fragen, die ich höre, wenn Menschen erfahren, dass Naturkind nicht zur Schule geht. Gerne auch mit dem Schlagwort "fehlende Sozialisation" untermauert.

Eine gängige Definition für Sozialisation:
"Sozialisation nennt man den lebenslangen Prozeß der Entstehung individueller Verhaltensmuster, Werte, Maßstäbe, Fähigkeiten und Motive in der Auseinandersetzung mit den entsprechenden Maßstäben einer bestimmten Gesellschaft" (Zimbardo 1995, S.80).

Wieso sollte ein "lebenslanger" Prozess in eine kurze Zeitspanne (der Kindheit und frühen Kindheit) gepresst werden?

In der Soziologie wird klassischer Weise unterschieden in primäre, sekundäre und tertiäre Sozialisation. Die Primärsozialisation wäre demnach diejenige Sozialisation welche im Lebensabschnitt ab Geburt bis zum älteren Kindesalter (Beginn der Adoleszenz) stattfindet.

Nicht die Gruppe der Gleichaltrigen sondern die Stammfamilie ist von elementarer Bedeutung für die Primärsozialisation. Sie verbleibt auch als elementarer Stabilitätsfaktor der Sekundärsozialisation, während derer im zunehmenden Adoleszenzalter soziale Gruppen außerhalb der Familie zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die tertiäre Sozialisation letztendlich findet im Erwachsenenalter statt, wenn andere Einflüsse, wie beispielsweise die neu gegründete eigene Familie oder anderweitig konstruierte eigene Lebensweg, den starken Stellenwert der Stammfamilie ablösen (aber nicht vollkommen auflösen). 

Die primäre Sozialisation findet also in der Familie statt. Eine Familie lebt als Teil einer Gesellschaft, wodurch ständige Einflüsse, Kontaktflächen und Reibungspunkte zu allen möglichen anderen potentiell sozialisierenden Faktoren entstehen. Dennoch sorgt die starke Verbindlichkeit innerhalb einer Familie für die Sicherheit, die m.E. notwendig ist, um ein gesundes Öffnen für weitere Faktoren überhaupt erst zu ermöglichen. 

Weitere Infos zur Bedeutung der Familie in der Sozialisation finden sich im Handout des Seminars „Die Funktion der Familie in der primären Sozialisation“ am Pädagogischen Institut der Technischen Hochschule Darmstadt.

Der rennomierte kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld (Verfechter eines bindungsbasierten Entwicklungsmodells) beschreibt in einem seiner Vorträge sehr eindrucksvoll, wie wichtig für unsere Kinder eine gesunde Beziehung und sichere Bindung innerhalb der Familie ist. In der heutigen Gesellschaft haben seiner Meinung nach die "Peers", also die gleichaltrigen Kinder, eine zu starke Bedeutung als Sozialisationsfaktoren zugewiesen bekommen. Die Peers sind aber überhaupt nicht in der Lage, eine stabile Bindung zur Verfügung zu stellen, da sie selbst noch inmitten der Sekundärsozialisation stecken und selbst stabile Bindungen bräuchten.

Dies wirft für mich viele Fragen auf:
Ist es wirklich wichtig, dass unser Kindergartenkind bereits mit anderen Kindergartenkindern "spielt"? Dass unser Kleinkind im Kinderhort andere Kleinkinder "kennenlernt"? Dass unser Kind im Grundschulalter täglich stundenlang einer Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen in einem autoritär strukturierten Umfeld unterworfen ist? 
Wieso sollte eine Primärsozialisation funktionieren wenn sie in Gruppen stattfindet, in denen keine Vertrauensbasis vorherrscht? Und wieso sollte es im Interesse unserer Kinder liegen, wenn sie sich schon so früh von der vertrauten Familie so stark lösen? 

Nach Gordon Neufeld führt eine Bindung auf Basis von Liebe, Vertrauen und Respekt zu einem "Attachment", zu einer Verbundenheit, die im sozialen Miteinander dazu führt, dass die so gebundenen Personen der anderen Person gerne ihre Bedürfnisse erfüllen mögen. 

Ähnlich formuliert das auch Marshall Rosenberg in seinem Konzept der gewaltfreien Kommunikation. Eigentlich sagen alle Menschen nur "bitte erfülle meine Bedürfnisse" und "danke". Je nach Art der Bindung und je nach Sozialisation kann das aber auf sehr unterschiedliche Art ausgedrückt werden und in unserer westlichen Gesellschaft ist leider die "Wolfssprache" sehr ausgeprägt. Das wäre dann ein "Du bist einfach zu dumm um auch nur irgendwas richtig zu machen" anstelle des eigentlich gemeinten "Bitte schließe die Tür, mir tun die Knochen weh, wenn es zieht."

Wenn wir nun eine Gruppe von nur dürftig gebundenen Kindern in einem Alter in dem sie sehr viel Sicherheit brauchen aufeinander los lassen, als Eltern die Verantwortung für deren Wohlergehen in die Hände Fremder legen. In eine Gruppe, die hauptsächlich aus Gleichaltrigen besteht, keiner von ihnen in der Lage als Vorbild für den anderen zu dienen. Wie sollen diese Kinder dann jemals Vertrauen aufbauen, in sich selbst, in die Welt, überhaupt zu irgendetwas?

Bevor ich mich mit diesen Wissenschaftlern auseinander gesetzt habe und bevor ich es mir erlaubt habe, über den Rand meiner eigenen Primärsozialisation hinaus zu denken, da war ich auch eine von denen, die der Gruppe der Gleichaltrigen eine immense Bedeutung für die soziale Entwicklung zugeschrieben haben.

Heute habe ich so viel mehr gelernt. Ich sehe wie sich meine Beziehung zu Naturkind von Tag zu Tag festigt. Ich kann zwischen uns jetzt schon eine stabile Kordel sehen. Ich merke, wie wir ohne Druck und Angst miteinander viel besser auskommen, unser Leben miteinander ist soviel leichter geworden. 

Ich sehe, wie sich meine Beziehung zu Zöpfchen, die ich schon fast verloren glaubte, langsam, mit einem spinnenseidenen Faden noch im Moment, entwickelt. Wir fangen an, uns näher zu kommen. Ohne diesen ganzen Druck, den ein Leben nach deutschen Standards mit sich bringt ("Du musst noch deine Hausaufgaben machen", "Los, ins Bett"...).

Für Zöpfchen werden ganz plötzlich Freunde wichtig. Je mehr Sicherheit und Entspannung sie innerhalb der Familie hat, desto mehr öffnet sie sich für soziale Veranstaltungen außerhalb der Familie. Die Loslösung geschieht im gleichen Maß wie die Bindung an mich steigt.

Es ist plausibel, wie Neufeld es auch ausdrückt. Erst wenn du sicher bist, bist du bereit für ein Abenteuer, immer in dem Wissen, dass der sichere Hafen als Zuflucht auf dich wartet.

Daher, liebe Eltern: es ist vollkommen egal, wenn euer 6jähriges Kind noch nicht auf 5 Kindergeburtstage im Jahr eingeladen wird. Macht was Schönes mit eurem Kind an diesem Tag, arbeitet an eurer Beziehung zueinander. Und beobachtet mit Freuden, aber auch mit offenen Armen für eine verfrühte Rückkehr, wie euer Kind eines Tages ganz von selbst die Segel setzen wird.

Sonntag, 22. Juni 2014

Wieviel Entscheidung für das Kind?

Es ist zum Mäuse melken. Jetzt habe ich angefangen, ein soziales Netzwerk aufzubauen. Habe Menschen kennen gelernt, die bereits unschoolen. In Deutschland und anderswo.

Sogar der Vater der Kinder, obwohl nach wie vor pro Schule, hat zu Naturkind gesagt, sie soll selbst entscheiden ob sie zur Schule geht oder nicht.

Und jetzt? Jetzt will sie plötzlich. Nach dem Umzug ist der vertraute Freundeskreis nicht mehr so greifbar, da sieht die (freie) Schule plötzlich wieder attraktiver aus, scheint mir.

Ich werde sie morgen früh gehen lassen. Meine Auflage war, dass sie abends früh und freiwillig ins Bett geht. Sie hat auf alles verzichtet, das unseren Abend normalerweise erst schön werden lässt: kuscheln, lesen, spielen, reden. Um rechtzeitig aufstehen zu können.

Nun ist es ja leider so, dass Schule eine gewisse Sogwirkung auszuüben scheint. Immerhin gibt es da dann doch schon bekannte Gesichter, vertraute Abläufe etc. Wenn ich meine Erfahrungen mit Zöpfchen ansehe, dann wird mir klar: rein in die Schule geht es quasi automatisch. Die (negativen) Nebeneffekte sind unmittelbar. Raus aus der Schule, das ist schwierig. Insbesondere raus aus einer freien Schule. Langsam kommt es mir so vor, als hätte ich mir mit der freien Schule mein größtes Hindernis auf dem Weg zu Unschooling selbst gebaut.

Damit sind wir beim Thema. Morgen will Naturkind in die Schule. Dadurch wird sie mehr in den Sog gezogen. Will dann übermorgen vielleicht wieder hin. Und nächste Woche geht sie aus Gewohnheit. Bislang war ich immer der Meinung, dass ich glücklich sein werde mit der Entscheidung, die das Kind trifft. Ich möchte, dass sie sich wohl fühlt. Aber ist das möglich, mit einem ständigen rein und raus? Sollte ich für eine längere Zeit außerhalb sorgen, entgegen ihrer spontanen Wünsche, so dass sie überhaupt erst die Chance bekommt, sich ein Leben außerhalb aufzubauen?

Wieviel Entscheidungsraum sollte ich ihr geben? 

Ich weiss es nicht. Meine Strategie im Moment wird sein, einen möglichst großen Aktionskreis für sie außerhalb der Schule aufzubauen. So dass sie merkt, dass überall Freunde zu finden sind. Noch mehr Vernetzung mit Unschoolern, so dass sie sieht, dass andere Kinder das auch erleben. Parallel dazu habe ich vor, ihr bis zu den Sommerferien Entscheidungsfreiheit einzuräumen. Dann werde ich sie vermutlich abmelden. Es sei denn, sie geht bis dahin schon jeden Tag mit Begeisterung. Ich hoffe nicht, dass es dazu kommt. Zu hoch ist der Preis, die Auswirkungen auf unsere Beziehung innerhalb der Familie. Aber was, wenn es wirklich so kommt? Ich fühle mich unbehaglich.

Mein Rat an alle mit kleineren Kindern, die den Unschooling-Weg ausprobieren wollen: fangt am besten gar nicht erst mit der Schule an. Sind die Kinder erstmal im Trott und haben die ersten anderen Kinder dort kennen gelernt, ist es viel schwieriger für sie, sich wieder auf natürliches Lernen einzulassen. Und am allerschwierigsten ist es, zumindest für Zöpfchen und Naturkind, Freunde zu gewinnen, wo kein institutioneller Rahmen das gemeinsame Spiel quasi diktiert. Soviel zur Sozialisierungsfunktion der Schule. Zwangsgemeinschaften, in denen Sozialkompetenz überflüssig wird.

Donnerstag, 12. Juni 2014

Die Beziehung pflegen

Der Vater von Zöpfchen und Naturkind hat sich nach der Trennung sehr bald entschieden, sein eigenes Leben zu leben und nur noch jedes zweite Wochenende zur Verfügung zu stehen - wenn überhaupt. 

Von Anfang an habe ich bemerkt, dass insbesondere Zöpfchen mehr Zeit mit ihm verbringen will und mich dafür eingesetzt. Leider nur mit sehr mäßigem Erfolg. Auch die neue Frau scheint da eine entsprechende Rolle zu spielen.

Nun hatte ich ein Schlüsselerlebnis.

Zöpfchen und Naturkind waren längere Zeit am Stück bei ihrem Vater. Schon am dritten Tag hat Zöpfchen mich angerufen und im Gespräch hat sich herausgestellt, dass es ihr in diesem Moment gerade gar nicht gut ging. Der Umgangston beim Vater und der neuen Frau ist ziemlich autoritär. Es wird wohl viel kommandiert. Die Kinder reagieren entsprechend aggressiv, werden selbst gemein.

Und bei diesem Telefonanruf habe ich es endlich verstanden. Es bringt gar nichts, wenn ich mich dafür einsetze, dass sich der Vater öfter um die Kinder kümmert. Das was sie sich wünschen, werden sie trotzdem nicht bekommen: Nähe.

Das ist etwas, was für mich der allerschönste Aspekt am Unschooling ist. Dadurch dass ich meine Kinder als Menschen mit Bedürfnissen und Wünschen ansehe, dadurch dass ich mich auf ihre Bedürfnisse einlasse und alles ruhen lasse, um mit ihnen einen Augenblick zu teilen, dadurch schaffe ich Nähe. Auf Augenhöhe zu handeln, mutet oftmals anstrengend an. Jedoch ist der Gewinn auf beiden Seiten so unendlich groß. Erst seitdem wir stetig versuchen, miteinander wie Menschen umzugehen, den anderen und dessen Bedürfnisse zu respektieren, erst seit diesem Moment haben wir überhaupt begonnen, eine Beziehung aufzubauen. Vorher war es ein ständiges Machtspiel. Ein Bestimmen, Bevormunden, Auflehnen, Rebellieren. Geprägt von Trotz und einer negativen Schwingung. Früher war ich immer erschöpft und heilfroh, wenn die Kinder im Bett waren.

Heute nehme ich mir Zeit und verbringe diese mit den Kindern. Je mehr Zeit ich mit ihnen verbringe, desto mehr Zeit gestehen sie mir alleine zu. Ich habe heute mehr Gelegenheit denn je, Dinge für mich alleine zu machen. Die Beziehung ist so gut geworden, dass die Kinder jetzt auch meine Bedürfnisse sehen. 

Wenn Zöpfchen sagt, sie vermisst ihren Vater, dann vermisst sie die Beziehung zu ihrem Vater. Den Menschen, der sie und ihre Sorgen sieht. Und nicht einfach jemanden, der sie "abhandelt". Seitdem ich das verstanden habe, ist ein großer Stein von meinem Herzen gefallen. Ich war unglücklich damit, dass sie so wenig Zeit mit ihrem Vater verbringen konnte. 

Jetzt weiß ich, dass eine gute Beziehung das ist was fehlt. Und wenn kein Wille auf beiden Seiten besteht, solch eine aufzubauen, dann hilft alle Zeit der Welt nicht. 

In den "7 Wegen" sagt Stephen Corvey, dass man auch die Henne pflegen und füttern muss und nicht einfach nur die Eier nehmen kann. Es ist die Beziehung, die wichtig ist. Alles andere kommt dann von alleine.

Je mehr ich lese, desto deutlicher sehe ich, wie alles zusammen hängt, wie ein Puzzle-Teilchen ins nächste passt. Lernen im echten Leben ist nur ein kleiner Teil. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg.


Donnerstag, 5. Juni 2014

Neues Zuhause

Es war ein wenig ruhig um uns in der letzten Zeit.

Seitdem ich Naturkind am Wohnort abgemeldet habe, gab es keine Konsequenzen. In der freien Schule hatte ich Bescheid gegeben, dass sie erstmal nicht mehr kommt. Bislang haben wir noch keinen Gesprächstermin gefunden. Andere Dinge waren im Vordergrund.

Wir wohnen jetzt in einer eigenen Wohnung: Zöpfchen, Naturkind und ich. Nicht mehr so ländlich wie zuvor. Und nicht mehr zusammen mit meinem Freund und seinen Unschooling-Kindern. Zum ersten Mal nur wir 3 alleine seit der Trennung vom Vater der Kinder. Es wird Zeit, dass wir uns finden, unseren eigenen Rhythmus, unser eigenes Leben. Bislang war vieles durch Einflüsse von außen bestimmt. Bettgehzeiten, Essensgewohnheiten, der ganze Alltag. Es wird jetzt sehr spannend für uns, alles neu zu entdecken.

Erst 4 Nächte haben wir im neuen Zuhause verbracht. Alles ist noch sehr chaotisch, wir haben noch keine Küche und daher noch keinen Alltag. Bald fahren die Kinder für längere Zeit zum Vater, danach wird alles bereit sein, so dass wir uns in Ruhe neu entdecken können. Ich freue mich schon darauf!