Samstag, 12. Juli 2014

Aber wie ist das mit den Freunden?

Das ist wohl eine der ersten Fragen, die ich höre, wenn Menschen erfahren, dass Naturkind nicht zur Schule geht. Gerne auch mit dem Schlagwort "fehlende Sozialisation" untermauert.

Eine gängige Definition für Sozialisation:
"Sozialisation nennt man den lebenslangen Prozeß der Entstehung individueller Verhaltensmuster, Werte, Maßstäbe, Fähigkeiten und Motive in der Auseinandersetzung mit den entsprechenden Maßstäben einer bestimmten Gesellschaft" (Zimbardo 1995, S.80).

Wieso sollte ein "lebenslanger" Prozess in eine kurze Zeitspanne (der Kindheit und frühen Kindheit) gepresst werden?

In der Soziologie wird klassischer Weise unterschieden in primäre, sekundäre und tertiäre Sozialisation. Die Primärsozialisation wäre demnach diejenige Sozialisation welche im Lebensabschnitt ab Geburt bis zum älteren Kindesalter (Beginn der Adoleszenz) stattfindet.

Nicht die Gruppe der Gleichaltrigen sondern die Stammfamilie ist von elementarer Bedeutung für die Primärsozialisation. Sie verbleibt auch als elementarer Stabilitätsfaktor der Sekundärsozialisation, während derer im zunehmenden Adoleszenzalter soziale Gruppen außerhalb der Familie zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die tertiäre Sozialisation letztendlich findet im Erwachsenenalter statt, wenn andere Einflüsse, wie beispielsweise die neu gegründete eigene Familie oder anderweitig konstruierte eigene Lebensweg, den starken Stellenwert der Stammfamilie ablösen (aber nicht vollkommen auflösen). 

Die primäre Sozialisation findet also in der Familie statt. Eine Familie lebt als Teil einer Gesellschaft, wodurch ständige Einflüsse, Kontaktflächen und Reibungspunkte zu allen möglichen anderen potentiell sozialisierenden Faktoren entstehen. Dennoch sorgt die starke Verbindlichkeit innerhalb einer Familie für die Sicherheit, die m.E. notwendig ist, um ein gesundes Öffnen für weitere Faktoren überhaupt erst zu ermöglichen. 

Weitere Infos zur Bedeutung der Familie in der Sozialisation finden sich im Handout des Seminars „Die Funktion der Familie in der primären Sozialisation“ am Pädagogischen Institut der Technischen Hochschule Darmstadt.

Der rennomierte kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld (Verfechter eines bindungsbasierten Entwicklungsmodells) beschreibt in einem seiner Vorträge sehr eindrucksvoll, wie wichtig für unsere Kinder eine gesunde Beziehung und sichere Bindung innerhalb der Familie ist. In der heutigen Gesellschaft haben seiner Meinung nach die "Peers", also die gleichaltrigen Kinder, eine zu starke Bedeutung als Sozialisationsfaktoren zugewiesen bekommen. Die Peers sind aber überhaupt nicht in der Lage, eine stabile Bindung zur Verfügung zu stellen, da sie selbst noch inmitten der Sekundärsozialisation stecken und selbst stabile Bindungen bräuchten.

Dies wirft für mich viele Fragen auf:
Ist es wirklich wichtig, dass unser Kindergartenkind bereits mit anderen Kindergartenkindern "spielt"? Dass unser Kleinkind im Kinderhort andere Kleinkinder "kennenlernt"? Dass unser Kind im Grundschulalter täglich stundenlang einer Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen in einem autoritär strukturierten Umfeld unterworfen ist? 
Wieso sollte eine Primärsozialisation funktionieren wenn sie in Gruppen stattfindet, in denen keine Vertrauensbasis vorherrscht? Und wieso sollte es im Interesse unserer Kinder liegen, wenn sie sich schon so früh von der vertrauten Familie so stark lösen? 

Nach Gordon Neufeld führt eine Bindung auf Basis von Liebe, Vertrauen und Respekt zu einem "Attachment", zu einer Verbundenheit, die im sozialen Miteinander dazu führt, dass die so gebundenen Personen der anderen Person gerne ihre Bedürfnisse erfüllen mögen. 

Ähnlich formuliert das auch Marshall Rosenberg in seinem Konzept der gewaltfreien Kommunikation. Eigentlich sagen alle Menschen nur "bitte erfülle meine Bedürfnisse" und "danke". Je nach Art der Bindung und je nach Sozialisation kann das aber auf sehr unterschiedliche Art ausgedrückt werden und in unserer westlichen Gesellschaft ist leider die "Wolfssprache" sehr ausgeprägt. Das wäre dann ein "Du bist einfach zu dumm um auch nur irgendwas richtig zu machen" anstelle des eigentlich gemeinten "Bitte schließe die Tür, mir tun die Knochen weh, wenn es zieht."

Wenn wir nun eine Gruppe von nur dürftig gebundenen Kindern in einem Alter in dem sie sehr viel Sicherheit brauchen aufeinander los lassen, als Eltern die Verantwortung für deren Wohlergehen in die Hände Fremder legen. In eine Gruppe, die hauptsächlich aus Gleichaltrigen besteht, keiner von ihnen in der Lage als Vorbild für den anderen zu dienen. Wie sollen diese Kinder dann jemals Vertrauen aufbauen, in sich selbst, in die Welt, überhaupt zu irgendetwas?

Bevor ich mich mit diesen Wissenschaftlern auseinander gesetzt habe und bevor ich es mir erlaubt habe, über den Rand meiner eigenen Primärsozialisation hinaus zu denken, da war ich auch eine von denen, die der Gruppe der Gleichaltrigen eine immense Bedeutung für die soziale Entwicklung zugeschrieben haben.

Heute habe ich so viel mehr gelernt. Ich sehe wie sich meine Beziehung zu Naturkind von Tag zu Tag festigt. Ich kann zwischen uns jetzt schon eine stabile Kordel sehen. Ich merke, wie wir ohne Druck und Angst miteinander viel besser auskommen, unser Leben miteinander ist soviel leichter geworden. 

Ich sehe, wie sich meine Beziehung zu Zöpfchen, die ich schon fast verloren glaubte, langsam, mit einem spinnenseidenen Faden noch im Moment, entwickelt. Wir fangen an, uns näher zu kommen. Ohne diesen ganzen Druck, den ein Leben nach deutschen Standards mit sich bringt ("Du musst noch deine Hausaufgaben machen", "Los, ins Bett"...).

Für Zöpfchen werden ganz plötzlich Freunde wichtig. Je mehr Sicherheit und Entspannung sie innerhalb der Familie hat, desto mehr öffnet sie sich für soziale Veranstaltungen außerhalb der Familie. Die Loslösung geschieht im gleichen Maß wie die Bindung an mich steigt.

Es ist plausibel, wie Neufeld es auch ausdrückt. Erst wenn du sicher bist, bist du bereit für ein Abenteuer, immer in dem Wissen, dass der sichere Hafen als Zuflucht auf dich wartet.

Daher, liebe Eltern: es ist vollkommen egal, wenn euer 6jähriges Kind noch nicht auf 5 Kindergeburtstage im Jahr eingeladen wird. Macht was Schönes mit eurem Kind an diesem Tag, arbeitet an eurer Beziehung zueinander. Und beobachtet mit Freuden, aber auch mit offenen Armen für eine verfrühte Rückkehr, wie euer Kind eines Tages ganz von selbst die Segel setzen wird.

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